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Die Wasserfälle von Slunj Heimito von Doderer

Die Wasserfälle von Slunj

Heimito von Doderer

Published 1963
ISBN :
Hardcover
394 pages
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 About the Book 

Um 1880 befinden sich Harriet und Robert Clayton, der Sohn eines Maschinenfabrikanten aus Südwestengland, auf Hochzeitsreise nach Wien und Kroatien. Roberts begeistertes Interesse verschiedensten Arten von Reiseeindrücken, von im Prater fischenden Buben über die Strecke der Semmeringbahn bis zum 29-Meter-Gefälle der Wasserfälle von Slunj, erscheint der kühlen und verschlossenen Harriet oft als kindisch. Bei ihrer Rückkehr nach England eröffnet ihnen Roberts Vater, daß er eine neue Firmenniederlassung in Wien eröffnen wird, um von dort aus das Südosteuropageschäft auszubauen. Die Claytons ziehen in die Prinzenallee beim Prater, unweit der Fabrik. Ihr nach Besichtigung der Slunj-Fälle gezeugter Sohn Donald wächst ohne Widerstand seitens Harriet in England auf und tritt erst als Ingenieur in die Firma in Wien ein. Deren Aufbau nach 1880 ist auch Werk des Kellnersohns Josef Chwostik, welchem seine Anstellung als kommerzieller Leiter Raum zu sozialer, persönlicher und intellektueller Entwicklung gibt: Er zieht aus der Wohnung seiner verstorbenen Eltern in der Adamsgasse, wo zwei Zimmern durch Vermittlung der Hausmeisterin Wewerka nachts an die Straßenprostituierten Fanny und Feverl – diesen wird später eine Anstellung als Adjutanten des Grosgrundbesitzers Globusz in Moson vermittelt - untervermietet waren, in eine standesgemäße Wohnung in Firmen- und Praternähe. Er verfeinert Kleidungsstil und Auftreten und bildet seine Begabung für Sprachen aus: von seinen Eltern her beherrscht er Tschechisch, im Laufe der Erzählung lernt er u.a. Englisch, Französisch, Kroatisch, Ungarisch, Türkisch, Arabisch- nebenbei wird ihm Interesse für das Armenische zugesprochen. Seine Erscheinung wird zum Vorbild für Münsterer, den Stiefsohn von Chwostiks ehemaliger Hausmeisterin, welcher später mithilfe der auch von ihm erworbenen Sprachkenntnisse Karriere bei der österreichisch-ungarischen Post macht. Ebenso stilbildend wirkt um 1910 die distinguierte Erscheinung der ihrer Ähnlichkeit wegen Clayton brothers getauften „Engländer“ auf den vierzehnjährigen Zdenko von Chlamtatsch, der mit Freunden einen Metternich-Club (M.C.) gründet, in dem perfekte äußere Erscheinung und lässige Superiorität über alle Schulfragen bei gleichzeitigen hervorragenden Leistungen Pflicht sind. Zdenkos geglückte sexuelle Initiation durch Henriette von Frehlinger, Industriellengattin und Mutter eines Klassenkameraden, steht in Gegensatz zu Donalds Scheitern in seiner sich anbahnenden Liebesbeziehung zum 37jährigen Frl. Ingenieur Monica Bacheler. Seit seiner Kindheit von diffusen Ängsten, welche sich in Traumbildern von einer Wassermauer äußern, geplagt, ist Donald häufig unnahbar und geistesabwesend- dem „Apperceptions-Verweigerer“ entgeht selbst ein eindeutiges erotisches Angebot von Monica. Ihre Beziehung endet freilich vor allem, weil Monica kurze Zeit nach diesem Zwischenfall Donalds Vater kennenlernt und sich die beiden sofort ineinander verlieben. Die Beziehung wird mit Unterstützung von Chwostik, der selber eine Nacht mit Monica verbracht hat, eine Zeitlang heimlich geführt. Chwostik und der unter seinem unverstandenen Scheitern leidende Donald – Dr. Harbach, eine Reisebekanntschaft, welcher seine Medizinstudien durch diskrete Unterstützung der Gräfin Ergoletti in München finanziert hat, vermutet außerdem Herzprobleme – brechen von Triest aus mit einem Dampfer des österreichischen Lloyd zu einer Geschäftsreise in den vorderen Orient (Beirut, Damaskus) auf, welche über Konstantinopel nach Budapest (mit einem Abstecher nach Györ und Moson) führt. Dort begegnet Donald in Industriellen-Gesellschaft Margot Putnik, welche durch einen auch ihrem Mann László vor der Heirat verheimlichtes, großflächiges Mal auf Bauch und Rücken entstellt ist. Donald wird durch Tabor Gergellfi, einen Freund von László, in eine Falle gelockt, welche bewirkt, daß László Donald und Margot in einer kompromittierenden Situation antrifft und sich so von seiner Frau trennen und in seine Heimatstadt Bukarest gehen kann. Eigentlich hatte sich die von allen Männern frustrierte Margot vor Donald aber nur deshalb entblößt, um ihn durch das überraschende Präsentieren ihrer Entstellung zu schockieren und für seine Plumpheit zu bestrafen. Dies gelingt, Donald reist tief verstört weiter nach Agram, wo die briefliche Information Roberts und Monicas über ihre Verlobung einen weiteren gefährlichen Schlag für ihn bedeutet. In Slunj schließlich wird Zdenko, der sich in den Ferien bei seiner in der Nähe wohnenden, weinseligen Erbtante Ada befindet, schließlich Zeuge von Donalds tödlichem Unfall beim Überqueren des Stegs über den Wasserfällen: Ein Geländer bricht und Donald fällt nur wenige Meter, stirbt aber, wie ein Retter meint, am Schrecken. Für Zdenko, die Gegenfigur zu Donald, bedeutet dieses Erlebnis einen Schlusspunkt seiner Entwicklung und flößt ihm Mut und Selbstvertrauen zu weiterer Tätigkeit ein. Das Buch endet in der Poststation Slunj, wo Chwostik bei Münsterer ein Telegramm mit der Todesnachricht aufgibt.Es erscheint fast überflüssig, abschließend darauf hinzuweisen, daß die vollendete Komposition und Form dieses letzten vollendeten Romans von Meister Doderer durch eine dürre Inhaltsbeschreibung nicht einmal ansatzweise deutlich wird. Doderer sagt über sein Romanprojekt Nr. 7, daß er beschreiben wolle, „was trotz Geschichte passiert“. Es geht also um Alltäglichkeiten in kunstvoller, beziehungsreicher Personenkonstellation. Konkrete historische Bezüge fehlen, selbst Jahreszahlen sind selten. Nach Donalds Tod am Romanende müssten wir, wenn wir auf Chronologie beharrten, kurz vor dem 1. Weltkrieg stehen. Zdenko von Chlamtatsch könnte also an der Seite von Hans Castorp und Stefan Rott fallen. Kein Wort davon, nirgends. Nur die kindsköpfigen „Maschinen“fabrikanten sind da. Und die polyglotten (quasi allösterreichsprachigen) Vermittlergestalten. Und die Beharrer in der langsam fließenden Zeit, Antikenmuseumsdiener „hinter dem Schwabenberge“ (Deutsch-Altenburg), „unter alten Bäumen, in Stille, ohne Musik“ (S. 274) bei rotem Ofener und Petöfi. Was für ein herrliches Buch.